Soziale Lage des Antisemitismus in Hildesheim

 

15 Jahre lang gab es an der Hochschule in Hildesheim ein Seminar. Sein offizieller Name lautete „Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina (Gender)“. 15 Jahre lang haben sich Studenten über Inhalt und Form, we­gen Unwissenschaftlichkeit, offen antiisraelischer Propaganda und antisemiti­scher Literatur beschwert. 15 Jahre lang wussten maß­gebliche Mitglieder der Fakultäts- und Hochschulleitung um die mangelnde Eignung der Lehrbeauf­tragten. 15 Jahre lang geschah nichts.

 

Von Armin H. Flesch

 

 

 Von Frankfurt am Main aus betrachtet ist Hildesheim ein relativ kleiner Punkt auf der Land­kar­te – irgendwo in Niedersachsen und damit ziemlich weit weg. Wenn jemand an der dortigen Hoch­schu­le, die das Kürzel „HAWK“ trägt, ein Seminar mit durchschnittlich zehn bis zwölf Teil­neh­mern hält, dann ist das etwa so bedeutsam, wie wenn in Ürümqi, einer Provinz­metropo­le im Nor­den Chinas, zwanzig Sack Reis umfallen. Also praktisch nicht der Rede wert.

 

Wenn sich aber sogar das israelische Außenministerium zu genau diesem Seminar äu­ßert, wenig schmeichelhaft übrigens, wenn dieses Seminar in den großen deutschen Tageszeitungen auftaucht und plötzlich überall von „Hass“ die Rede ist, dann könnte es sich womöglich lohnen, den Blick nach Norden zu richten: Worum geht’s da eigentlich und was ist passiert?

 

Zunächst einmal etwas sehr unspektakuläres. Die promovierte Sozialpädagogin Rebecca Seidler aus Hannover bekommt am 12. Juni 2015 eine E-Mail ihrer früheren Hochschule in Hildesheim: „Sehr geehrte Rebecca Seidler, […] Wir hatten bisher im Modul immer zwei sehr gegensätzliche Seminare, die Israel und Palästina zum Thema hatten. Frau Köh­ler bietet das Seminar ‚Zur Lage von Jugendlichen in Palästina’ an und Frau Botten­berg hat das Seminar ‚Jüdisches Leben in Deutschland und in Israel’ angeboten und je­weils Praktikas [sic!] für Studierende in Israel vermittelt. Frau Bottenberg ist inzwi­schen ernsthaft erkrankt und kann das Seminarangebot nicht mehr übernehmen.“

 

Dekanin Christa Paulini, von der die E-Mail stammt, fährt fort: „Deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie sich vorstellen könnten, im Wintersemester 2015/16 ein Seminar im Bereich ‘jüdische Soziale Arbeit in Deutschland und in Israel‘ - oder so ähnlich anzu­bieten. Der gewünschte Fokus liegt bei mir nicht auf ‘jüdisches Leben‘.“

 

Rebecca Seidler freut sich über das Angebot. Sie nimmt bereits Lehraufträge an anderen Universitäten und Hochschulen wahr und wäre akade­misch gut vorbereitet. Außerdem ist sie selbst Jüdin und hätte persönlich Interesse an dem Thema: „Sozialarbeit in Deutsch­land, wie sieht die heute aus, wie groß war histo­risch der Einfluss jüdischer Denker auf ihre Entwicklung?“ Klingt spannend, denkt sich Seidler. Aber es gibt noch ei­nige Unklarheiten bezüglich der Konzep­tion des Semi­nar-Tandems, und so schreibt sie ebenfalls eine E-Mail:

 

„Sehr geehrte Frau Paulini, zunächst einmal herzlichen Dank für Ihre Anfrage bezüglich eines Lehrauftrages. Über die inhaltliche Struktur bin ich jedoch etwas irritiert und habe hierzu noch Nachfragen. Sie schreiben es gibt zwei Seminare. Das eine ‚zur Lage der Jugendlichen in Palästina’ von Frau Köhler, das andere zum Thema ‚Jüdische Soziale Arbeit in Deutschland und Israel’.

 

Diese Gegenüberstellung verstehe ich nicht. Ist es nun ein politisches Seminar […]? Das heißt, es wird die Lage von […] Jugendlichen in den palästinensischen Autonomiegebie­ten und zum Vergleich in Israel in Anbetracht des Konfliktes beleuchtet? Oder geht es um Theorien jüdischer und muslimischer Sozialer Arbeit (Professionsver­ständnis) anhand von Praxisbeispielen in Israel, den palästinensischen Autonomie­gebie­ten und Deutsch­land? […] Ich hoffe, Sie können meine Fragen nachvollziehen, und freue mich über eine Rückmeldung von Ihnen […].“

 

Auf ihre Fragen bekommt Rebecca Seidler keine schriftliche Antwort; Dekanin Paulini möchte das lieber am Telefon mit ihr besprechen. Inzwischen will Seidler aber mehr darüber wissen, wie die Dozentin des Ko-Seminars ihr Thema behandelt.  Aus der Zeit ihres letzten Lehrauftrags an der HAWK besitzt Seidler noch einen Zugang zum „Studi-IP“, dem Intranet der Hoch­schule. Dort sind auch der Seminarplan und die Literatur zum Seminar „Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina (Gender)“ von Ibtissam Köhler hin­terlegt.

 

Rebecca Seidler lädt sich die Dateien auf ihren Rechner, druckt sie aus und beginnt zu lesen. Doch was sie findet, ist weder geeignet, sich mit der sozialen Lage der Jugendli­chen in Palästina ernsthaft auseinanderzusetzen, noch hat das Studienmaterial mit Gen­derfra­gen das geringste zu tun. In den Texten, die Ibtissam Köhler für ihre Studenten zu­sam­mengestellt hat, wird ausschließlich Kritik am Staat Israel geübt.

 

Längst widerlegte Anschuldigungen wie Donald Boströms moderne Variante der Ri­tu­al­mordlüge, die israelische Armee habe systema­tisch Organe getöteter Araber entnom­men, um damit Krankenhäuser in Israel zu versorgen, wer­den als Tatsachen dargestellt. Die Sperranlagen an Israels Grenzen werden beklagt, ohne auf die Gründe ihrer Ent­ste­h­ung einzugehen. Israel wird als ein Ort der Fol­ter, der Enteignung wehrloser Palästi­nen­ser und Apartheidstaat dargestellt.

 

Das Terrorregime der Hamas, Korruption und Vetternwirtschaft in der palästinensi­schen Verwaltung, das Bildungssystem in den Autonomiege­bie­ten, die Höhe der Jugend­arbeits­losigkeit, Todesstrafe und Erwachsenenstrafrecht ab 12 Jah­ren, systematische Folter in palästi­nensischen Gefäng­nis­sen, Fe­memorde wegen der Zusammenarbeit mit Israel oder die Ungleichbehandlung der Ge­schlech­­­­ter – all das beeinflusst die soziale La­ge der Jugendli­chen in Palästina erheblich. Aber in den Seminarun­ter­la­gen der Ibtissam Köh­­ler kommt es nicht vor.

 

  Wer ist Ibtissam Köhler? 

Wer ist Ibtissam Köhler? Wie kam die aus Palästina stammende, mit einem Deutschen verheiratete Sprachlehrerin und Mutter zweier erwachsener Kinder zu ihrem Lehr­auf­trag an der Hochschule Hildesheim? Diese Fragen kann am be­sten Hans-Jürgen Hahn beantworten. Hahn, Oberstudienrat im Ruhe­stand, hatte Ibtis­sam Köhler 1999 an die Hoch­­schule geholt. Aufgrund welcher Expertise?  

„Die Expertise interessierte mich eigentlich gar nicht. Mich interessierte, was sie da­mals zu Israel rausließ. Sie fiel mir auf. Sie war an der Volkshochschule für Arabisch zu­stän­dig und es zeigte sich, sie war also eine christliche Palästinenserin aus Bethle­hem,“ erinnert sich Hahn. Auf die Nachfrage, warum ihm eine Arabischlehrerin mit offenbar sehr einsei­tigen Positionen zu Israel als Lehrbeauftragte an einer Hochschule geeignet erschien, er­gänzt er, Ibtis­sam Köhler habe gar keine Lehrbeauftragte sein sollen.

 

„Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, sie als wissenschaftlich hochquali­fi­zier­te Referentin da einzuladen, sondern die sollte authentisch von dem berichten, was sie hinter sich hatte,“ eingebunden in Hahns eigenes, vierstündiges Seminar mit dem Titel „Praktika in Sozialeinrichtungen Israels“.

 

Aufgrund seiner Kontakte in Israel hatte Hans-Jürgen Hahn im Umfeld der Städte Haifa und Akko Praktikumsplätze in Behinderteneinrich­tungen organisiert. Zur Vorbereitung dieser Praktika sollte sein Seminar dienen, das „mit möglichst vielen Gegensätzen sämt­liche Aspekte zur Lage des Staates Israel und zur sozialen Lage seiner Bewohner“ aufzei­gen sollte. Als Referen­tin­nen zog Hahn neben der Palästi­nenserin Ibtis­sam Köhler auch die Israelin Hemda Bottenberg hinzu. Die Einord­nung der „mög­lichst kontroversen Per­spektiven“ beider Referentinnen sollte dann in der Arbeit des Lehrbeauftragten Hahn mit seinen Studenten geschehen.

 

  „Völlig aus dem Ruder gelaufen“

Hans-Jürgen Hahn in ei­nem Telefoninterview mit dem Autor am 22.8.2016: „Es war mein Seminar, meine Idee, mein Konzept. Ich war der Wissenschaftler bei diesem Semi­nar.“ Zwei getrennte Veranstaltungen, in denen Köhler und Botten­berg jeweils als selb­stän­dige Lehrbeauftragte agieren würden, waren laut Hahn nie geplant.

 

Wegen eines bevorstehenden längeren Auslandsaufenthalts schlug Hans-Jürgen Hahn Anfang 2000 dem damaligen Dekan Ulrich Hammer in einem Schreiben vor, „die beiden Frauen mit der Fortsetzung des Seminars zu betrauen.“ Die Genehmigung erfolgte am 2. Mai 2000 durch das Präsidium. Zunächst sollte die Lehrveranstaltung unter der Leitung der Hochschulprofessorin Brunhilde Wagner abgehalten werden, doch dann „lief das Seminar als Doppelseminar völlig aus dem Ruder,“ kritisiert Hahn, „weil es nicht in einer Hand blieb.“

 

So wurde Ibtissam Köhler, Arabischlehrerin an der Hildesheimer Volkshochschule, zur Lehrbeauftragten der HAWK und leitete im Fachbereich Sozialarbeit mehr als zehn Jahre lang das Seminar „Soziale Lage der Jugendli­chen in Palästina (Gender)“. Die einzige Qua­li­fi­kation, die sie dafür vorweisen konnte, waren ihre Herkunft als „christliche Palästi­nen­­serin aus Bethle­hem“ und das, „was sie zu Israel rausließ.“

 

Obwohl Köhler also ursprünglich nur wegen ihrer höchst persönli­chen und überaus krit­ischen Sicht auf Israel sowie ohne Rücksicht auf ihre Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten in den Se­mi­nar­­betrieb der HAWK geraten war, interessierten sich die wech­seln­den Pro­ta­gonisten der Hildesheimer Hochschullei­tung bis 2016 weder für ihre Litera­turliste, noch für ihr didaktisches Konzept.

 

  Kritik wurde einfach ignoriert

Dabei hatte es an Hinweisen von unzufriedenen Studenten nicht gefehlt. Christopher Lodders, der das Köhler-Seminar 2010 und 2011, vor und nach seinem Israel-Prakti­kum, belegt hatte, ist einer von ihnen: „Über die soziale Lage von Jugendlichen oder über die Sozial­ar­beit mit Jugendlichen in Palästina habe ich in dem Seminar von Frau Köhler nichts er­fahren,“ erinnert sich der ehemalige HAWK-Student.

 

Stattdessen habe man früh bemerkt „dass, Frau Köhler emotional vorbelastet“ sei. „Frau Köhler hat Medien teilweise uminter­pretiert.“ Lodders beschreibt ein Foto, das im Se­mi­nar gezeigt wurde, und auf dem ein israelischer Soldat und ein palästinensischer Jun­ge zu sehen waren. Ibtissam Köhler habe behauptet, der Junge werde mit dem Gewehr be­droht. „Auf dem Bild,“ so erinnert sich Lodders, „war aber ganz klar zu sehen, dass der Soldat das Gewehr nur hielt, aber nicht auf den Jungen zielte.“

 

Lodders erzählt von einem Referat, dass er im Palästina-Seminar halten sollte und für das ihm Ibtissam Köhler das Thema „Foltermethoden der Israelis gegenüber Palästi­nen­sern“ aufgegeben hatte. Lodders erweiterte seine Aufgabe und berichtete auch über die Foltermethoden palästinensischer Organisationen wie Hamas und Fatah. „Da ist sie mir mehrmals ins Wort gefallen und hat geschrieen, was das denn solle, das stimme doch gar nicht.“ Schließlich habe Köhler ihm das Wort verboten: „Sie sind fertig. Setzen Sie sich.“

 

Christopher Lodders und weitere Seminarteilnehmer beschwerten sich beim damaligen Dekan der Fakultät, Heinz-Dieter Gottlieb, „über die Unwissenschaftlichkeit, die Inhalte und die Aus­sagen von Frau Köhler.“ Doch das führ­te weder zu einer Überprüfung noch zur Ein­stel­lung des Seminars oder wenigstens zu persönlichen Gesprächen mit den Studenten. „Es wurde einfach ignoriert.“

 

Daran sollte sich auch unter den nachfolgenden Dekanen der Fakultät So­ziale Arbeit und Gesundheit nichts ändern. Rebecca Seidlers Kritik und schließlich ihre Weigerung, mit einer eigenen Lehrveranstaltung das Feigenblatt für 38 Stun­den antiis­ra­elische Propa­gan­da abzugeben, wird von Christa Paulini mit „persönlicher Empfindlichkeit“ abgetan.

 

  „Man muss mal Dinge sagen dürfen“

Sie lasse sich nicht anschwärzen, Israelhetze zu betreiben, das sei schon einmal vor ein paar Jahren passiert. Außerdem müsse man mal Dinge sagen dürfen, auch wenn sie andern nicht passten: „Es gibt eine Mainstreamhaltung, der man sich in Deutschland beugen muss – der beuge ich mich nicht. Dieses Seminar bleibt unverändert.“

 

Doch da irrte die Dekanin. Rebecca Seidler schickte die kompletten Seminarunterlagen nicht nur an Josef Schuster, den Präsi­denten des Zentralrats der Juden in Deutschland, sondern auch an die Amadeo-Antonio-Stiftung mit der Bitte um ein Gutachten. „Ich woll­te wissen, bin ich wirklich übersensibel, oder wie sehen das externe Wissenschaf­tler?“

 

Jan Riebe, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung, untersucht daraufhin das Semi­narmaterial und entdeckt „nicht einmal den Anschein von Wissenschaftlichkeit“, wäh­rend Josef Schuster den Texten in Teilen Antisemitismus attestiert. Nun werden die Kreise immer größer, die das kleine Seminar im beschaulichen Hildesheim zieht. Zei­tungen greifen es auf, ein Spre­cher des israelischen Außenministeriums nennt die HAWK eine „Hass-Fabrik“ und deren Präsidentin Christiane Dienel vermutet hinter al­lem eine „Hass-Kampagne,“ die ihr „das Wort verbieten“ und den Nahostkonflikt „an die Hochschule tragen“ wolle.

 

Wen sie hinter dieser Kampagne vermutet, das will sie auf Nachfrage allerdings nicht mitteilen. Doch das Seminar, immerhin, wird abgesetzt und das Wissenschafts­-Mini­ste­rium in Hannover beauftragt das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung mit einem weiteren unabhängigen Gutachten. So ist in Hildesheim einstweilen alles in der Schwebe und viele Fragen bleiben – vorerst – unbeantwortet. Uns wird das Thema fürs erste erhal­ten bleiben.

 

 

 

 


 

  Heilige Johanna von Hildesheim

Warum die Hildesheimer Hochschulpräsidentin Christiane Dienel Antisemitismus-Vorwürfe nicht rechtzeitig aufgeklärt, sondern die Kritiker bekämpft hat.

 

Von Armin H. Flesch

 

Man soll Kalauer nicht überstrapazieren. Deshalb werde ich auch die jüngsten perso­nel­len Veränderungen an der Hildesheimer Hochschule für angewandte Wissen­schaft und Kunst (HAWK) – Abberufung des judenfeindlichen Lehrbeauftragten Rabi El-Dick und Rücktritt der Dekanin Christa Paulini – nicht wieder zu umfallenden Reissäcken im nordchine­si­schen Ürümqi in Beziehung setzen. Wenden wir uns lieber gleich den harten Fakten zu, denn die Realität ist viel absurder als der dümmste Witz.

 

Erinnern wir uns: Nach öffentlichem Druck hat die Arabischlehrerin der Hildesheimer Volkshoch­schule, Frau Ibtissam Köhler, ihren Lehrauftrag an der HAWK verloren, weil ihr Seminar zur „Sozialen Lage der Jugendlichen in Palästina (Gender)“ mit dem Thema nur insofern zu tun hatte, als man darin über die soziale Lage palästinensischer Jugendlicher und deren Ursachen nichts er­fuhr. (www.achgut.com/artikel/das_maerchen_vom_ritualmord_lebt_noch_in_hildesheim)

 

Doch die israelfeindliche „Lehrveranstaltung“, die Köhler 15 Jahre lang hatte hal­ten dür­fen, wurde nicht etwa abgesetzt, weil man an der HAWK endlich dahinter­gekom­men wä­re, dass die „christliche Palästinenserin aus Bethlehem“ überhaupt nur deswe­gen an die Hochschule gelangt war, „was sie zu Israel rausließ.“ Weil man – spät aber doch – ent­deckt hätte, dass es Köhler an einschlägiger Qualifikation ebenso mangelte wie an der Fähigkeit, das Thema mit ihren Studenten wissenschaftlich zu bearbeiten.

 

  Alles war längst bekannt

Weit gefehlt. Das alles herauszufinden hätte es weder des Protests von Rebecca Seidler bedurft, noch der Aufforderung seitens des Zentralratspräsidenten Josef Schuster, das Seminar wegen antisemitischer Inhalte einzustellen. Es bedurfte keines Gutachtens und ganz bestimmt keiner „Hass-Kampagne “, wie die HAWK-Präsidentin Christiane Dienel gemutmaßt hatte. Das alles war nämlich längst bekannt.

 

Als Ibtissam Köhler im Jahr 2000 zur Lehrbeauftragten an der HAWK berufen wurde, da hieß der zuständige Dekan der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit (damals Fachbe­reich Sozialpädagogik) Prof. Dr. Ulrich Hammer. Hammer war Dekan von 1996 bis 2002, danach bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 Stellvertretender Dekan, also dicht am Fall und unmittelbar verantwortlich.

 

„Das war mir zu wenig reflektiert, zu wenig differenziert,“ erinnert sich Hammer an Ibtissam Köhler. „Das war immer nur eine Nähe. […] Die Gespräche, die ich mit Frau Köhler geführt habe, die waren meiner Meinung nach nicht wissenschaftlich. Das war alles bestimmt. Das war so ­– und Schluss.“

 

  Wenn wir guten Ersatz gehabt hätten …

Die Frage, ob man Köhler dann ihren Lehrauftrag nicht besser hätte entziehen sollen, bringt Ulrich Hammer zunächst ins Straucheln: „Das ist so … darüber lässt sich sehr … also ich will mal so sagen: Wenn wir einen guten Ersatz gehabt hätten: Ja! Das ist immer das Problem: Wir wollten ja beide Seiten haben.“ So war das also an der Hildesheimer Hochschule, man wollte beide Seiten haben – und weil sich niemand besseres fand…

 

Ulrich Hammer bestätigt übrigens auch, dass es kritische Hinweise von studentischer Seite auf das Köhler-Seminar gegeben hatte: „Nun muss man ja auch in Rechnung stellen, dass die Studierenden nicht ganz dumm sind. Wenn wir von irgendwas erfahren, dann erfahrn wir das häufig durch die Studierenden.“

 

Wurde dem denn seitens der Fakultät nachgegangen? „Nein, ich hab da nichts geprüft. Das war auch damals … die Regeln guten wissenschaftlichen Arbeitens sind erst später gekom­men durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, als es gravierende Regel­ver­stö­ße gab. Ich glaub, wir hatten noch nicht mal in unserem Lehrprogramm Methoden des wissen­schaftlichen Arbeitens.“

 

Geht man allerdings auf die Website der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dann fin­det sich dort folgender Hinweis: „Mit den Empfehlungen der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis aus dem Jahre 1998 hat die Wissenschaft eine Selbstkontrolle initiiert und formuliert, die einen allgemeinen Kon­sens gefunden hat. Aufgrund dieser Empfehlungen wurde ein flächendeckendes System der Selbstkontrolle in allen verfassten Institutionen der Wissenschaft eingerichtet.“

 

  Ganz Gallien? Nein!

So so, 1998, und damit zwei Jahre vor der Berufung Ibtissam Köhlers zur Lehrbeauf­trag­ten. In allen verfassten Institutionen der Wissenschaft? Nein! Eine von unbeugsa­men Akademi­kern geleitete Hochschule hört nicht auf, den Empfehlungen der Deut­schen Forschungs­ge­mein­schaft Widerstand zu leisten. Beim Teutates!

 

Sie hören und hören nicht auf, die Gallier von der HAWK, ihre Vorstellung von der „Frei­heit der Lehre“ gegen eine Welt von Feinden zu verteidigen, selbst dann noch, als es nichts mehr zu vertei­di­gen gibt. Christiane Dienel, die amtierende Präsidentin, ist dabei nur das letzte Glied einer langen Kette von Hochschulver­antwort­lichen, die genau dieser Verantwortung nicht gerecht wurden.

 

Statt auf sachliche Fragen vernünftig zu antwor­ten, statt mit in- und externen Kritikern ein an den Inhalten ihrer Kritik orientiertes Gespräch zu führen und Aufklärung zu be­treiben, wirft Dienel mit verbalen Hinkelsteinen um sich, was das Zeug hält. Selbst ihre Kinder, denen sie „jüdi­sche Vornamen“ gegeben habe, müssen für die Abwehr des Anti­semitismus-Vorwurfs herhalten. Dabei hatte sich der Vorwurf zunächst nur gegen das Köhler-Seminar, nicht gegen Dienel selbst gerichtet.

 

  Warum reagiert Christiane Dienel so?

Man wolle die Hochschule mundtot machen, unbequeme Sichtweisen verhindern und die Freiheit der Lehre einschränken, beklagt die Heilige Johanna von Hildesheim.  Über all das wurde in den Medien ausführlich berichtet, und inhaltlich ist es der Rede nicht wert. Aber eine Frage sei doch gestellt: Warum reagiert Christiane Dienel so?

 

Dienel, die 2011 von außen als Präsidentin an die HAWK kam, hat die Causa Köhler nur geerbt. So kann man ihr die Existenz des Seminars nicht vorwerfen, und niemand hat das getan. Auch dass sie angibt, von dieser randständigen Veran­staltung zunächst nichts gewusst und folglich weder Inhalte noch die Art der Durch­füh­rung gekannt zu haben, kann ihr weder zur Last gelegt noch bezweifelt werden.

 

Derlei ist nicht die Aufgabe einer Präsidentin. Sie leitet ihre Hochschule und vertritt sie nach außen. Umso bemerkenswerter ist deshalb die Art, in welcher Christiane Die­nel mit dem Vorwurf des Antisemitismus umgegangen ist, nachdem sie damit konfron­tiert wurde. Hat es sich dabei um Ausrutscher in einer unerwarteten und besonders be­dräng­en­den Lage gehandelt, oder werden hier Strukturen ihrer Persön­lichkeit erken­nbar?

 

  Deutsche Politikerin (SPD)

In ihrem Wikipedia-Eintrag nennt sich Christiane Dienel eine „deutsche Poli­tikerin (SPD) und Hochschulmanagerin.“ Politische Ämter bekleidet sie nach Auskunft ihrer Hochschule zwar augenblicklich keine, was die Bezeichnung Politikerin einiger­maßen gewagt erscheinen lässt. Aber in den Sphären der Politik hat sie sich bereits getummelt.

 

„Nach der Landtagswahl 2006 kam es in Sachsen-Anhalt zur Bildung einer Großen Koa­lition,“ heißt es bei Wikipedia. „Dienel wurde daraufhin zur Staatssekretärin in dem von Gerlinde Kuppe geführten Ministerium für Gesundheit und Soziales ernannt. Am 28. Sep­tember 2009 wurde ihre Abberufung bekannt.“ Also verlor Christiane Dienel ihr da­ma­liges Amt, in dem ihr die Leitung der Verwaltung eines Ministeriums oblag, noch vor dem Ende der Legislaturperiode.

 

Liest man nach, was Dienel seinerzeit selbst dazu verlautete, dann war es ein Mangel an Vertrauen seitens der Ministerin, der ihr eine weitere erfolgreiche Arbeit unmöglich gemacht habe. Aber ist sie deshalb zurückgetreten, was unter solchen Umständen zu erwarten wäre? Nein, Christiane Dienel wurde als Staatssekretärin gefeuert. Warum?

 

Weder die Pressemeldung 111/09 des sachsen-anhaltinischen Ministeriums für Gesund­heit und Soziales, in der die Abberufung Dienels 2009 mit dürren Worten mitgeteilt wur­­de, noch dessen heutiger Pressesprecher geben darüber Auskunft. So lohnten sich einige Telefonate, um schließlich jemanden befragen zu können, der seinerzeit unmittel­bar in Dienels Entlassung eingebunden gewesen war.

 

  Durchaus ihre eige­nen Ziele verfolgt

Diese Person sieht die Gründe dafür ganz anders: Frau Dienel „hat durchaus ihre eige­nen Ziele verfolgt. Sie hat Vorträge gehalten und Veranstaltungen besucht, die nichts mit der Regierungs­­arbeit zu tun hatten. Sie hat relativ viel Zeit für sich in Anspruch genom­men, die ihrem Amt und der Amtsführung verloren gegangen ist. Sie war dann auch Ar­gu­men­ten nicht zugängig, die vielleicht eine bessere Konzentration auf ihre Aufgaben als Staats­sekretärin bewirkt hätten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie recht behal­ten will.“

 

Kurz und knapp: Christiane Dienel vernachlässigte ihr Amt um eige­ner Interessen will­len, war kritikunfähig und rechtha­be­risch. Ist diese Dar­stellung glaubhaft und passt sie zu ihrem Verhalten als Hochschul­prä­sidentin in der Köhler-Affäre? Hat sie auch hier Zeit für eigene Belange genutzt, statt für ihr Amt?

 

Seit ihrem Antritt als Präsidentin hat Christiane Dienel eine Wohnung in Hildesheim, doch zu ihrem Lebensmittelpunkt konnte das beschauliche Städtchen in Niedersach­sen nicht werden. Ihr Mann Hans-Luidger Dienel ist Professor an der Technischen Univer­sität Berlin, das Haus der Dienels steht in Berlin-Steglitz. Also ist Christiane Dienel eine Berufs­pendlerin, die ihre Familie in der Regel nur am Wochenende sieht.

 

  Verlässt Dienel die HAWK?

Der Wunsch, diesem Zustand ein Ende zu machen, ist nur zu verständlich. Und wirklich, am 12. November 2015 stellt die Hildesheimer Allgemeine Zeitung die Frage: „Verlässt Dienel die HAWK?“ Weiter heißt es dort: „Die amtierende HAWK-Präsidentin Christiane Dienel hat sich darum beworben, im nächsten Jahr Präsidentin der Hochschule für Wirt­schaft und Recht (HWR) in Berlin zu werden.“

 

Aus dem Wechsel an die Spree wird zwar nichts, den Posten bekommt ein Mitbewerber. Aber die Bewerbung und die Beantwortung von Presseanfragen beanspruchen Chri­sti­a­ne Dienel just zu dem Zeitpunkt, wo sie ihre ganze Aufmerksamkeit der HAWK hätte wid­men sollen: am Beginn der Köhler-Affäre.

 

Offenkundig fehlten ihr von allem Anfang an die Zeit und das Interesse, ihre Briefe und E-Mails gründlich samt Anhang zu lesen. Wie sie selbst inzwischen eingeräumt hat, entging ihr bereits am 7. Juni 2011 eine E-Mail mit angehängtem Brief der „Akademiker für Frieden im Nahen Osten“ an Dekanin Christa Paulini, die in Kopie auch an Dienel gegangen war.

 

Das Schreiben weist auf  „völlig einseitige, weltverschwörerische, antisemitische und antiamerikanische Stellungnahmen“ im Köhler-Seminar hin – aber Dienel hat es nicht gelesen. Stattdessen findet sie Zeit, sich kurz darauf mit ihrem damals vierjährigen Sohn vor die Kamera eines Reporters der Hildesheimer Allgemei­nen Zeitung zu setzen. Für Werbung in eigener Sache.

 

  Kritikunfähig und rechtha­be­risch?

Wie glaubwürdig ist der Vorwurf der Kritikunfähigkeit und Rechthaberei? Diesen Punkt vermag vielleicht ein Blick auf ihren Umgang mit sachlichen Fragen im Rahmen meiner Recherche zu erhellen. Gegenüber einem Journalisten hatte Dienel für sich selbst jeden Anschein des Antisemitismus kategorisch ausgeschlossen, da sie ihren Kindern „jüdische Namen“ gegeben habe. Mit Datum vom 23. August 2016 fragte ich an, in welcher Bezie­hung diese Namensgebung zur sachlichen Kritik am Köhler-Seminar stehe.

 

Dienels Antwort darauf ist geradezu beispielhaft: Zunächst schiebt sie den Schwarzen Peter weiter: „Der Verweis bezüglich der Namen meiner Kinder war in einer Weise aus dem Zusammenhang gerissen, dass die Lesart gravierend sinnentstellend wurde.“ Die Chance, diesen Zusammenhang, nach dem wir schließlich gefragt hatten, nun wieder herzustellen und die angebliche Sinnentstellung zu korrigieren, nutzt sie freilich nicht.

 

Vielmehr geht Christiane Dienel direkt zum Angriff über: „Ich möchte und werde mich zu diesem sehr persönlichen Thema nicht mehr äußern und verbitte mir jede Einbezie­hung meiner Familie und meines Privatlebens in diese Angelegenheit.“ Als ob nicht sie selbst diese „Einbeziehung“ betrieben hätte. Und das nicht zum ersten Mal.

 

  Hochschulpräsidentin fühlt sich wohl

Wie oben erwähnt, erschien bereits am 11. Juli 2011 in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (HAZ) ein Artikel mit der Überschrift: „Hochschulpräsidentin fühlt sich wohl.“ Darun­ter prangte ein großes Farbfoto. Es zeigt eine lächelnde Christiane Dienel mit ih­rem Sohn, dem, wie die Bildunter­schrift verrät, „vierjährigen Raban Dienel.“ Wer bezieht hier die eigene Familie ins Berufliche ein?

 

Woher ich das mit dem Artikel von 2011 weiß? Ganz einfach, von Christiane Dienel selbst. Die stellt ihn nämlich bis auf den heutigen Tag als Titelfoto auf ihrer Facebook-Seite öffentlich aus. Was übrigens die angeblich „jüdischen Namen“ ihrer Kinder betrifft: Fragen danach beantwor­tet Dienel nicht. Raban jedenfalls leitet sich nicht vom hebräi­schen Wort Rabbiner ab, sondern vom althochdeutschen Hraban. Das bedeutet schlicht Rabe und nimmt auf das Haustier des germanischen Göttervaters Wodan bezug. Dumm gelaufen.

 

  Gibt es jüdischen Antisemitismus?

Wäre die Sache besser, wenn der Junge Moses oder Aaron hieße? Und wäre mit solcher Namenswahl bewiesen, dass Frau Dienel über jede Form des Antisemitismus erhaben ist? Oder ist der Vorwurf des Antisemitismus, der gegen das Köhler-Seminar erhoben wurde, damit ausgeräumt, dass in der Literaturliste auch jüdische Autoren vorkommen, weil es einen jüdischen Antisemitismus natürlich nicht geben kann? Keineswegs.

 

Diese Frage hätte übrigens auch Ex-Dekanin Christa Paulini beantworten können. Die hatte ihre Antrittsvorlesung als Professorin der HAWK am 20. April 2005 unter den schönen Titel gestellt: „Nichts ist prak­tischer, als eine gute Theorie,“ – eine Übersetzung des Satzes: „There is nothing so practical as a good theory,“ von Kurt Lewin.

 

Gehen wir davon aus, Paulini habe vom Begründer der modernen Sozialpsychologie mehr gelesen als diesen einen Satz, dann dürfen wir vermuten, dass ihr auch Lewins Auseinandersetzung mit dem Phänomen des jüdischen Selbsthasses bekannt ist (Kurt Lewin, „Self-hatred among Jews“, 1941). Lewin macht überzeugend deutlich, dass der Hass auf die eigene gesellschaftliche Grup­pe keine Seltenheit darstellt, besonders wenn die Zugehörigkeit mit der persönli­chen Erfahrung der Ausgrenzung einhergeht.

 

  Klar gibt es den

Gibt es jüdischen Antisemitismus? Klar gibt es den, wie es Schwulenhass von homosex­uellen Männern gibt oder die Ablehnung von Ausländern durch gerade erst natura­lisier­te Inländer. Die Literaturliste der Ibtissam Köhler enthält einige der be­kanntesten Bei­spiele für jüdischen Antisemitismus.

 

Und was ist mit Christiane Dienel selbst? Ist sie, dank der Namensgebung ihrer Kinder, gefeit gegen antisemitische Stereotype? Natürlich nicht, denn das ist niemand. Und wenn es dazu eines Beweises bedürfte, so sind es ihre Äußerungen von der angeblichen „Hass-Kampagne“ und den „ziemlich einflussreichen Kreisen.“

 

Kampagnen gehen definatorisch immer von Gruppen aus. Welches aber wäre die im Hass gegen die HAWK vereinte Gruppe, von der Dienel spricht? Und welches sind die nach Dienels Ansicht ziemlich einflussreichen Kreise, die den Vorwurf des Antisemitis­mus erhoben haben?

 

Wer erhebt in der Regel den Vorwurf des frauenfeindlichen Sexismus? Frauen, na klar, denn die sind davon betroffen. Und Christa Paulini, die gewesene Dekanin, hätte Rebec­ca Seidler wohl kaum „persönliche Empfindlichkeit“ vorgeworfen, wenn es bei ihrer Kritik am Köhler-Seminar um dumme Machosprüche gegangen wäre. Warum tut sie es, sobald sich eine Jüdin gegen Antisemitismus wehrt?

 

  Antisemitismus, der schlimmste Vorwurf?

Ihren brüsken Umgang mit den Kritikern in Sachen Köhler-Seminar begründet Christi­ane Dienel am 15. September 2016 während einer Po­diumsver­anstaltung in Hannover mit der Behauptung, in Deutschland gebe es keinen schlim­me­ren, rufschä­di­gen­deren Vor­wurf als den des Antisemitismus. Dagegen habe sie ihre Hochschule in Schutz neh­men müssen.

 

Zunächst darf Dienels Grundannahme bezweifelt werden; man frage nur Herrn Kachel­mann. Dessen Ruf wurde trotz richterlich bestätigter Unschuld durch den Vor­wurf der Vergewaltigung nachhaltig geschädigt, während der Historiker Ernst Nolte ungeachtet massiver Antisemitismus-Vorwürfe seine Professur an der FU Berlin bis zur Emerit­ie­rung hatte behalten dürfen und nach seinem Tod mit freundlichen Nachrufen bedacht wurde.

 

Vor allem aber: Was bedeutet es denn, wenn man die These Dienels, der Vorwurf des Antisemitismus sei in Deutschland der rufschädigendste, in einfaches Deutsch über­setzt? Dann heißt sie: Leg dich bloß nicht mit den Juden an. Warum nicht? Etwa, weil einen dann „ziemlich einflussreiche Kreise“ mit einer „Hass-Kampagne“ überziehen?

 

Nein, in seinem Kern macht Dienels Satz nur eines deutlich: Kein Mensch, der in einer Ge­­­sellschaft aufge­wach­sen ist, in der Antisemitismus zum kulturellen Beipack gehört, ist gegen antisemitische Klischees gefeit. Ganz gleich, zu wem er betet oder wie er seine Kin­­­­der nennt.

 

  Dienel in der Rolle der Aufklärerin

Inzwischen ist Christiane Dienel in die Rolle der Aufklärerin geschlüpft. Nicht, weil sie begriffen hätte, dass es dafür höchste Zeit ist, sondern weil ihr selbst das Wasser bis zum Hals steht. Ihre erneute Berufung zur Präsidentin der HAWK, die eigentlich im Oktober anstand, wurde vom niedersäch­si­schen Wissenschaftsministerium auf die  Zeit nach dem 15. November verschoben. Dann soll das Gutachten des Berliner Zentrums für Anti­semitismusforschung über das Köhler-Seminar vorliegen.

 

Um Tatkraft und Entschlossenheit unter Beweis zu stellen, entlässt Dienel zunächst den Lehrbauftragten Rabih El-Dick. Ihn hatte Dekanin Paulini damit beauftragt, an Rebecca Seidlers Stelle die er­gän­zende Lehrveranstaltung zum Köhler-Seminar zu halten. Eine exzellente Wahl: Anti­se­miti­sche und antiisraelische Postings der primitivsten Sorte, die sich auf El-Dicks Facebook-Seite fanden, waren die perfekte Ergänzung zu Ibtissam Köh­lers Literaturliste.

 

Als nächsten Schritt beruft Dienel für den 28. September den Fakultätsrat der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit zu einer Sitzung ein, an deren Ende der zu erwartende „Rücktritt“ Christa Paulinis als De­kanin steht. In der am nächsten Tag verbreiteten Pres­semitteilung erklärt Dienel die­sen Rücktritt  mit markigen Worten:

 

  Rücktritt unvermeidbar

„Der Rücktritt von Frau Paulini war richtig und unvermeidbar, angesichts des unver­ant­wortlich nachlässigen Umgangs mit der dringend gebotenen Aufarbeitung der Um­stän­de, unter denen das Seminar von Frau Köhler angeboten und durchgeführt wurde. […] Aufgabe und Pflicht der Fakultätsleitung [sind es], die aufgekommenen Fragen und die öffentliche Debatte ernst zu nehmen und alles dafür zu tun, dass Aufklärung erfolgen kann, eventuelle Fehler und Versäumnisse korrigiert werden können und weiterer Scha­den von der Hochschule abgewendet wird.“

 

Fragen ernstnehmen, Fehler korrigieren, aufklären und weiteren Schaden abwenden – ganz recht. Man mag sich vor­stellen, dass Gabriele Heinen-Kljajić, die Wissen­schafts­mini­ste­rin des Lan­des Nieder­sachsen, Dienels Erklä­rung auf ih­rem Compu­ter ab­gespei­chert hat. Als Formu­lierungshilfe für den Tag, an dem das Gut­ach­ten des Zen­trums für Anti­semitis­mus­­for­schung vorliegen und die nähere Zu­kunft der amtierenden HAWK-Prä­si­dentin sich ent­scheiden wird.

 

 

 


 

 

Massel tow?

 

Die Hildesheimer Hochschule HAWK trennt sich von ihrer Präsidentin Christiane Dienel. Grund zum Feiern?

 

Ein Kommentar von Armin H. Flesch

 

Nun ist es heraus. Am 2. November 2016 ging die nachfolgende Erklärung des Senates der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim an die Presse:

„Der Senat würdigt die bisherige Zusammenarbeit mit der Präsidentin Frau Prof. Dr. Christiane Dienel. Er hat jedoch den Eindruck gewonnen, dass ihr Krisenmanagement in Folge der Antisemitismusvorwürfe der Hochschule schadet. Der Senat ist weiter der Überzeugung, dass die dadurch entstandenen Verwerfungen nicht mehr von der amtierenden Präsidentin behoben werden können. Daher zieht der Senat seine Empfehlung an das MWK zur Wiederernennung von Frau Prof. Dr. Dienel vom 18.05.2016 zurück. […]“

 

  Verpasste Gelegenheit 

Soweit so gut. Dass die Präsidentin der HAWK nicht mehr zu halten sein würde, zeichne­te sich bereits auf einer Podiumsdiskussion am 15. September in Hannover ab. Die Ver­anstaltung stand unter der Überschrift „Wo beginnt israelbezogener Antisemi­tis­mus?“, doch im Zentrum der Diskussion standen vor allem das Hildesheimer Köhler-Semi­nar (http://www.achgut.com/artikel/das_maerchen_vom_ritualmord_lebt_noch_in_hildesheim) und der Umgang der Hochschulleitung mit substantieller öffentlicher Kritik. Der Abend war Dienels große Gelegenheit, die Kri­tiker der Hoch­schu­le nicht länger als Teil einer „Hass-Kampagne ziemlich einflussreicher Kreise“ dar­zustellen, sondern inhaltlich auf sie ein­zu­gehen.

 

Doch die Präsidentin blieb sich treu, wie sich bereits in ihrem Eingangs-State­ment zeigte. Zunächst freut sie sich, aufs Podium gekommen zu sein. Sie habe auch, in der Ab­sicht, endlich „ver­nünf­­­tig miteinander zu reden,“ ihre Teilnahme sofort zugesagt. Doch bereits im näch­sten Satz ändert Dienel die Richtung und geht zum Angriff über: Das vernünftige Mit­ein­anderreden hätte „günstigerweise schon früher stattfinden sollen,“ stellt sie zutreffend fest, verschweigt aber, dass es gerade sie selbst und Dekanin Paulini gewesen waren, die das verhindert hatten.

 

In dem Stil geht es über den Abend weiter, und am Ende ist klar: Dienel unternimmt lediglich den erneuten Versuch der Schadens­begren­zung und der Kritik an den Kriti­kern. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihren Argu­menten bleibt sie schuldig (http://www.achgut.com/artikel/die_heilige_johanna_von_hildesheim).

 

  Israelhass als Lehrfach

Nicht die Größe der Kampagne oder gar Hass sind es, die Dienel schließlich zu Fall brin­gen. Viel­mehr unterschätzt sie von Anfang an die Ernsthaftigkeit des Problems ihrer Hoch­schule, das sie als deren Präsidentin zu lösen hatte. Es lässt sich in zwei Sätzen darstellen: Mehr als 15 Jahre lang verbreitet eine als Israelhasserin bekannte Lehrbe­auftragte ohne einschlägige wissen­schaft­­­liche Qualifikation antiisraelische Propaganda unter dem Deckmantel eines Hochschulse­mi­nars. Alle Dekane seit 2000 wissen darum, es gibt mehrfach substantielle Kritik, doch nie­mand in der Leitung von Fakultät oder Hoch­schule macht diesem Zu­stand ein Ende.

 

Erst nachdem die niedersächsische Wissenschaftsministerin die erneute Ernennung Dienels zur HAWK-Präsidentin vom Ausgang eines beim Berliner Zentrum für Antisemi­tismusforschung in Auftrag gegebenen Gutachtens abhängig macht, erst als es nun um ihre eigene Karriere geht, erkennt Dienel zumindest die Tragweite der Affäre und drängt Dekanin Paulini zum Rücktritt.

 

Doch für Bauernopfer ist es bereits zu spät. Längst haben sich neue Beweise für Antisemitismus an der HAWK gefunden, sind E-Mails aufgetaucht, die beweisen, dass Dienel viel früher um die Kritik am Seminar hätte wissen müssen, als bislang behauptet. Zunächst treten Mitglieder der hochschulinternen Ethikkommission zurück, dann distanziert sich der Senat von seiner Präsi­den­tin. Jetzt hat Christiane Dienel noch zwei Wochen Zeit, ihr Hildesheimer Büro auszuräumen. Der Inhalt des Berliner Gutachtens wird für sie keine Bedeutung mehr haben.

 

  Grund zum Feiern?

Grund zum Feiern? Für Frau Dienel, die nun endlich ganz nach Berlin zurückkehren kann, si­cherlich nicht. Noch ihre letzte Erklärung nach dem Raus­wurf ist ein schwer erträgliches Doku­ment der Selbstgerechtigkeit, das alle Schuld am Ende ih­rer „engagierten Arbeit“ andern in die Schuhe schiebt. Christiane Dienel, die Kämpfe­rin für die Freiheit der Lehre und die Ehre ihrer Hoch­schule, fiel als letzte Aufrechte mit der Fahne in der Hand. Und wie steht es mit der Hoch­schule oder dem Wissenschaftsministerium in Hannover? Darf man sich dort nun beruhigt zu­rücklehnen und darüber freuen, ein lästiges Pro­blem endlich losgeworden zu sein?

 

Möglich, dass es so kommen wird, aber zu empfehlen ist es nicht. Denn frei nach einer alten Politikerweisheit ist nach dem Skandal immer schon vor dem Skandal. Die Affäre um das an­ti­semitische und israelfeindliche Seminar der Ibtissam Köhler war zu jedem Zeitpunkt auch eine der gesamten Hochschule, des akademischen Lehrbe­triebs, ja der ganzen Gesellschaft. Sämtliche einschlägigen Untersuchungen beweisen: Antisemitismus ist kein Reservat fürs glatzköpfige Pre­kariat, er wurzelt durch alle Schichten, durch alle ethnischen, reli­giösen und Bildungshin­ter­gründe hindurch mitten in der Gesellschaft.

 

Worauf also käme es an? Die Hochschule in Hildesheim, unter tätiger Mithilfe der niedersäch­sischen Landespolitik, müsste bereit sein, ihre unrühmliche jüngste Vergangenheit gründlich aufzuarbeiten, um Wiederholungen in Zukunft nach Möglich­keit zu verhindern. Diese Auflärung müsste auch andernorts Schule machen, ohne dass Ver­ant­wortliche durch medialen Druck dazu getrieben zu wären. Schließlich sollte die öffent­liche Dis­kussion, die der Fall Köhler ausgelöst hat, nicht einschlafen, sondern wachsen.

 

Den ganz gewöhnlichen, alltägli­chen Antisemitismus, die nachgerade zwanghafte negative Fixierung großer Teile un­se­rer Gesellschaft auf Israel sollten wir in den Blick nehmen und die Ursachen erkennen. Damit wären unsere Stamm­tische, Medien, Hochschulen und Parlamente noch keine besseren, aber sie wüssten wenigstens, was sie tun. Wie wahrscheinlich all das stattfinden wird, entscheide der Leser selbst. Grund zum Feiern besteht jeden­falls nicht.

 

 

 

 

Top | © Armin H. Flesch - Autor und Journalist